Cambridge brauchte ein Symbol. Jason Arday brauchte Schutz.

Zur öffentlichen Demontage eines afrodiasporischen, autistischen und behinderten Wissenschaftlers

Jason Arday wurde 2023 als jüngster afrodiasporischer Professor in der Geschichte der Universität Cambridge berufen. Seine Ernennung wurde international als Erfolgsgeschichte gefeiert: ein afrodiasporischer, autistischer und behinderter Mann aus einfachen Verhältnissen, der gegen enorme Widerstände einen der angesehensten Lehrstühle der Welt erreicht hatte.

Cambridge machte ihn zum Symbol für Aufstieg, Diversität und institutionellen Fortschritt.

Im August 2026 trat Jason Arday zurück. Wenige Tage später wurde er im Alter von 41 Jahren tot aufgefunden.

B.R.A.V.E. wird nicht behaupten, die genauen Umstände seines Todes zu kennen. Wir werden keine offenen wissenschaftlichen Vorwürfe bewerten und keine Zusammenhänge als Tatsachen darstellen, die nicht abschließend geklärt sind.

Was wir jedoch sehen und verurteilen können, ist der Umgang mit Jason Arday vor seinem Tod.

Gegen ihn wurden schwerwiegende Vorwürfe erhoben. Dazu gehörten mögliche Plagiate, Unstimmigkeiten in seinem Lebenslauf und Zweifel an einzelnen Angaben zu seiner Biografie. Solche Vorwürfe dürfen geprüft werden. Wissenschaftliche Integrität ist wichtig – unabhängig davon, gegen wen sich eine Untersuchung richtet.

Doch eine Untersuchung ist keine öffentliche Hinrichtung.

Zum Zeitpunkt seines Todes waren nicht alle Vorwürfe abschließend geklärt. Eine frühere Untersuchung der Liverpool John Moores University hatte den Plagiatsvorwurf bezüglich seiner Dissertation nicht bestätigt. Cambridge hatte aufgrund neuer Informationen weitere Prüfungen angekündigt. Trotzdem wurde Jason Arday in der Öffentlichkeit längst nicht mehr als Mensch behandelt, gegen den überprüfungsbedürftige Vorwürfe vorlagen. Er wurde zum Hochstapler, Betrüger und Märchenerzähler erklärt.

Die Berichterstattung beschränkte sich nicht auf seine wissenschaftliche Arbeit. Nahezu jeder Teil seines Lebens wurde öffentlich auseinandergenommen: seine Kindheit, sein Autismus, seine Behinderungen, seine Sprachentwicklung, seine Familie, seine sportlichen Leistungen, sein gesellschaftliches Engagement und seine Persönlichkeit.

Schulkamerad*innen wurden herangezogen, um Jahrzehnte später zu beurteilen, ob seine Angaben über seinen Autismus und seine frühe Sprachentwicklung glaubwürdig seien. Die Wahrnehmung anderer wurde damit über seine eigene Lebensrealität gestellt. Autismus wurde behandelt wie eine Behauptung, die durch Erinnerungen daran widerlegt werden könne, dass ein Kind „normal“ gewirkt habe.

Das ist keine sachliche Prüfung wissenschaftlicher Integrität. Das ist Ableismus.

Gleichzeitig wurde die Kampagne maßgeblich von Nathan Cofnas angefeuert – einem Mann, der rassistische biologistische Theorien über die angeblich unterschiedliche Intelligenz rassifizierter Gruppen verbreitet. Cofnas behauptet, afrodiasporische Menschen würden in einer vermeintlich rein leistungsorientierten Gesellschaft aus nahezu allen angesehenen Positionen außerhalb von Sport und Unterhaltung verschwinden. Ihre geringe Repräsentation sei seiner Darstellung nach nicht das Ergebnis struktureller Benachteiligung, sondern biologischer Unterschiede.

Ausgerechnet dieser Mann inszenierte sich als Verteidiger wissenschaftlicher Standards gegenüber einem der sichtbarsten afrodiasporischen Wissenschaftler Großbritanniens.

Wer diesen Hintergrund ausblendet, verwechselt Neutralität mit Blindheit.

Vorwürfe werden nicht automatisch falsch, weil sie von einem Rassisten erhoben werden. Aber die Person, die sie erhebt, ihre erklärten Überzeugungen, ihre Ziele und die rassistische Erzählung, in die sie die Vorwürfe einordnet, sind relevant. Cofnas griff nicht nur einen einzelnen Wissenschaftler an. Der Fall Jason Arday lieferte ihm ein öffentlich verwertbares Beispiel für seine grundsätzliche Behauptung, afrodiasporische Menschen gelangten nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten, sondern durch Diversitätsmaßnahmen in angesehene Positionen.

Die mediale Kampagne machte daraus weit mehr als eine Auseinandersetzung um mögliches wissenschaftliches Fehlverhalten. Jason Arday wurde zur Projektionsfläche für einen Kulturkampf gegen Antirassismus, Gleichstellung und die Präsenz afrodiasporischer Menschen in der Wissenschaft.

Und Cambridge?

Die Universität hatte Ardays Berufung selbst öffentlich als historischen Erfolg inszeniert. Sie profitierte von seiner Geschichte, seiner Sichtbarkeit und der gesellschaftlichen Bedeutung seiner Ernennung. Sie schmückte sich mit dem Bild einer Institution, in der ein afrodiasporischer, autistischer und behinderter Mann alle Grenzen überwinden könne.

Doch wer einen Menschen zum Symbol macht, trägt Verantwortung für die Last, die diesem Menschen damit auferlegt wird.

Cambridge muss sich fragen lassen, warum Jason Arday in eine derart exponierte Position berufen und öffentlich vermarktet wurde, wenn Zweifel an Teilen seiner wissenschaftlichen Arbeit oder seines Lebenslaufs bereits früher bekannt waren. Die Universität muss sich fragen lassen, ob sie seine fachliche und persönliche Situation sorgfältig genug geprüft hat. Und sie muss sich fragen lassen, welche Unterstützung ein Mensch erhielt, der nicht nur eine anspruchsvolle Professur ausfüllte, sondern zugleich als institutioneller Beweis für Diversität funktionieren sollte.

Es reicht nicht, marginalisierte Menschen in prestigeträchtige Positionen zu bringen und sich anschließend mit ihrer Anwesenheit zu schmücken. Repräsentation ohne Schutz, Unterstützung und institutionelle Verantwortungsübernahme ist keine Gleichstellung. Sie kann zur Ausbeutung werden.

Besonders bitter ist der Widerspruch im Umgang mit Nathan Cofnas. Cambridge stufte dessen rassistische Aussagen nach einer internen Untersuchung als rechtlich geschützte freie Rede ein. Der Mann, der afrodiasporischen Menschen grundsätzlich die intellektuelle Eignung für angesehene Positionen abspricht, konnte seine Theorien unter dem Schutz akademischer Freiheit verbreiten. Jason Arday hingegen wurde unter dem öffentlichen Druck vollständig auf die Frage reduziert, ob ein afrodiasporischer Mann wie er seinen Platz in Cambridge überhaupt verdient habe.

Wir kennen die abschließenden Antworten auf die wissenschaftlichen Vorwürfe nicht.

Aber wir erkennen ein vertrautes Muster.

Afrodiasporische Menschen werden zu Symbolen erhoben, solange Institutionen von ihrer Geschichte profitieren. Sobald Zweifel, Konflikte oder Fehler auftreten, werden sie nicht als einzelne Menschen behandelt. Ihre gesamte Existenz wird zum Beweisstück. Ihr Scheitern wird nicht als individuelles Scheitern betrachtet, sondern als Argument gegen Diversität, Gleichstellung und die Förderung aller afrodiasporischen Menschen.

Weiße Menschen dürfen Fehler machen, versagen, überfordert sein oder falsche Entscheidungen treffen, ohne damit die grundsätzliche Eignung weißer Menschen für Professuren infrage zu stellen. Bei afrodiasporischen Menschen wird jeder mögliche Fehler kollektiviert.

Jason Arday schrieb in seinem Rücktrittsschreiben, die unablässigen Anschuldigungen, Spekulationen und öffentlichen Kommentare hätten einen tiefgreifenden Tribut von ihm und seinen Angehörigen gefordert. Er erklärte, er habe die Grenze dessen erreicht, was einem Menschen vernünftigerweise zugemutet werden könne.

Diese Worte waren öffentlich bekannt.

Die Kampagne ging dennoch weiter.

B.R.A.V.E. verurteilt die rassistische und ableistische öffentliche Demontage Jason Ardays. Wir verurteilen Medien, die aus offenen Vorwürfen endgültige Urteile machten und dabei seine Würde, seine Gesundheit und seine Menschlichkeit aus dem Blick verloren. Wir verurteilen die Instrumentalisierung seines Falls durch Menschen, die afrodiasporischen Menschen grundsätzlich ihre intellektuellen Fähigkeiten und ihren Platz in der Wissenschaft absprechen. Und wir fordern von Cambridge eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung – nicht nur bei seiner Berufung, sondern auch bei seinem Schutz.

Jason Arday war kein Symbol, kein Diversity-Projekt und kein Beweisstück in einem rassistischen Kulturkampf.

Er war ein Mensch.

Diese Einsicht hätte nicht erst nach seinem Tod einsetzen dürfen.

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